ISD Nürnberg e.V.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ist seit etwa 20 Jahren ein integraler Bestandteil der Schwarzen Community in Nürnberg. Wie fast überall war das Engagement der ISD in den Anfangsjahren hauptsächlich von Frauen getragen. Auf diesem Fundament wurde weiter aufgebaut, als sich nach der Ermordung von George Floyd im Jahr 2020 eine neue Gruppe zusammenschloss, um einen „Silent Protest“ im Namen der Opfer rassistischer (Polizei-)Gewalt zu organisieren. An diesem „Silent Protest“, der zu keiner Sekunde „silent“ war, nahmen etwa 7000 Menschen teil, um gegen Rassismus und für Gerechtigkeit zu demonstrieren. Mit zahlreichen Schildern, die das Bild von George Floyd und die Unterschrift „I can’t breathe“ trugen – einem Zustand, den wir als Kollektiv vereint erlebten – waren wir Teil eines deutschlandweiten Unternehmens, an dem mehr als 100.000 Menschen beteiligt waren. Nachdem wir eine längere Zeit unter dem

Namen „Black Community Foundation Nürnberg“ aktiv waren, entschieden wir uns, als ISD Nürnberg zu agieren und uns offiziell in die lange Geschichte des Bündnisses einzubringen.

ISD Bund e.V. Geschichte

von Eleonore Wiedenroth-Coulibaly & Hadija Haruna-Oelker 

Die ersten Ortsgruppen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) entstanden nach einem ersten bundesweiten Treffen in Wiesbaden 1985 im Rhein-Main-Gebiet (Frankfurt am Main, Wiesbaden und Mainz), Berlin, München und in Nordrhein-Westfalen. Seit diesen Anfängen versteht sie sich als Selbstorganisation von Schwarzen Menschen, für sie und mit ihnen. Bundesweit ging die Arbeit des Vereins immer von regionalen und lokal organisierten Gruppen aus. Bis heute arbeiten diese basisdemokratisch und sind an den Dachverband ISD Bund e.V. angegliedert, der 2001 gegründet wurde.  

Über die Jahre gab es immer wieder viel Bewegung in den Ortsgruppen. Neue kamen hinzu, andere beendeten ihre Arbeit oder nahmen sie wieder auf, aber ihr Engagement blieb ähnlich. So werden auch in den heute aktiven Ortsgruppen in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen eine Bandbreite an Projekten organisiert. Dazu zählen Kooperationsveranstaltungen mit anderen ortsansässigen Initiativen und Vereinen, Arbeit in Jugendgruppen, politische Bildungsarbeit, Empowerment Trainings und Vernetzungstreffen für Schwarze Menschen innerhalb des Vereins. Alljährlich bündeln sich viele Veranstaltungen im Februar anlässlich des Black History Month (BHM) nach US-amerikanischem Vorbild, in dem das Wirken Schwarzer Menschen hierzulande sichtbar gemacht und öffentlich gefeiert wird. Auf der Bundesebene koordiniert ISD-Bund überregionale Veranstaltungen, Kampagnen und betreibt Öffentlichkeitsarbeit. Darüber hinaus hat sich mit dem Entstehen der ISD vor über 35 Jahren ein weiterer Höhepunkt im Jahr etabliert: das traditionelle Bundestreffen, bei dem viele hunderte Schwarze Menschen aller Generationen zusammenkommen, diskutieren, Freizeit gestalten, Pläne schmieden und – sich feiern. Hier zeigt sich eindeutig, dass ISD vor allem Empowerment für Schwarze Menschen bedeutet.  

Seit ihrem Bestehen stärkt die Initiative die Meinungsbildung unter Schwarzen Menschen in Deutschland und tritt mit Kampagnen, Aktionen und Presseerklärungen immer wieder an die Öffentlichkeit, um inhaltliche Kritik an gesellschaftlichen Missständen und (Anti-Schwarzem) Rassismus zu artikulieren, eingebettet in ein Verständnis von  Intersektionalität, das Mehrfachdiskriminierungen wie Geschlecht, Klasse, Behinderung, sexuelle Orientierung oder religiöse Zugehörigkeit im Blick hat, die auch in der Community eine Rolle spielen.  

2011 initiierte die ISD die laufende Kampagne „Stop Racial Profiling„, die zum Ziel hat, über diskriminierende und rassistisch motivierte Polizeipraxen aufzuklären und den Gleichheitsanspruch aus Art 3, Satz (3) GG einfordert. Immer wieder stellte der Verein auch rassistische Kulturproduktionen (Blackfacing) oder die deutsche Sprache auf den Prüfstein, prangert den Gebrauch diskriminierender Begriffe im Alltag oder in (Kinder)Büchern an. Die ISD erarbeitete und vermittelt diskriminierungsfreie Alternativen und Selbstbezeichnungen wie Schwarz & Afrodeutsch und positioniert sich seit Jahren in der Debatte um den „Rasse“-Begriff, weil im Deutschen ein Wort für das englische „race“ fehlt. Dieses Thema wurde 2020 von Politik und Medien mit der Debatte um eine entsprechende Änderung im Grundgesetz (Art 3 GG) in den Fokus gerückt.  

Die ISD ist verankert im Kampf gegen (post)koloniale Kontinuitäten und unterstützt die UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015-2024). Sie war mit involviert und/oder Initiatorin von lokalen und regionalen Townhall Meetings und selbstorganisierten Konferenzen in Berlin, Frankfurt und Köln. Aktuell wünscht sie sich mehr Einsatz seitens der Bundesregierung, die auf der UN-Ebene diese Dekade zwar mit auf den Weg gebracht hat, bisher aber auffallend zurückhaltend in der nationalen Umsetzung geblieben ist.  

Mit Beispielen dieser Art versteht sich die ISD immer wieder auch als Initiatorin, Brückenbauerin und Bewegungskatalysator innerhalb der Schwarzen Bewegung. Aus Kontexten der ISD heraus haben sich über die Jahre hinweg neue Strukturen, Vereine, Ideen und Projekte gespeist, sind unabhängig geworden oder im Bündnis gewachsen. Die ISD versteht sich deshalb als eine Art Plattform, als Einstiegsort und Ort der Ruhe für die Einen, für Andere ist sie ein  Ort der Repräsentation und des Formulierens Schwarzer Positionen und dies in Vernetzung mit anderen Aktiven.

Gesellschaftskritik und Kultur gehen für die ISD oft eine Fusion ein, so dass immer wieder auch verschiedenste Kunstformen wie Theater, Musik, Skulptur, Malerei, Dicht- und Wortkunst dem Ausdruck unserer Realitäten dienen. Stärkung der eigenen Positionierungen, Erlebnisse, Erfahrungswelten geschieht auch, indem Schwarze Menschen selbst die Narrative setzen und ihren Geschichten Raum geben, in Begegnungen, Veranstaltungen und in Veröffentlichungen. Als erste bahnbrechende und selbstbestimmte Publikation gilt das Buch „Farbe bekennen“, 1986 herausgegeben unter anderem von Katharina Oguntoye und May Ayim, beide Mitbegründerinnen der ISD und Mitstreiter*innen der jüngeren Schwarzen Bewegung in Deutschland. Seither sind insbesondere in den vergangenen sechs Jahren viele Publikationen zu Geschichte/n, Perspektiven, Literatur von Schwarzen Menschen auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Anlässlich des 30jährigen Bestehens der ISD veröffentlichte ein Team von sechs Herausgeberinnen den Sammelband „Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland“. Hierin verdichten über 50 Autor*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen über Generationen hinweg und mit den verschiedensten Erfahrungshintergründen ihre große Bandbreite an Themen und Ausdrucksweisen zu einer Zusammenschau und Momentaufnahme Schwarzer Bewegung(en) im Deutschland bis zum Jahr 2015. Eine Geschichte, die sich im Heute weitererzählt und sich stetig verändert, denn die Emanzipationsbewegung(en) Schwarzer Menschen schreiben sich fort und ein in  gesamtgesellschaftlicheZusammenhänge – auch in Deutschland. So wird die ISD auch in Zukunft in dieser dynamischer werdenden gesellschaftskritischen und de-kolonialen Bewegung, die wir gerade beobachten können, ihre Rolle spielen. Ihr Wunsch ist es, auch weiterhin Engagement, Kraft und Stärke Schwarzer Menschen zu bündeln und auszustrahlen.

Das Team

Shana Filmore

Projekt Leitung

Seyenanu Zoe Agbeadah

Projekt Leitung