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Kampf gegen Rassismus muss Chefsache werden: ISD  Nürnberg fordert strukturelle Anerkennung von Rassismus

Nürnberg, Juni 2026 – Innerhalb weniger Tage warb Nürnbergs Oberbürgermeister Markus König bei zwei öffentlichen Veranstaltungen für Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Erfahrungen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Nürnberg) zeigen jedoch, dass zwischen dem Bekenntnis zu Vielfalt und dem tatsächlichen Umgang mit Rassismus weiterhin eine erhebliche Lücke besteht. 

Am 13. Juni sprach Markus König als Keynote-Speaker auf der von ver.di organisierten Vielfaltskonferenz „Unite To Fight“. Dort bezeichnete er Nürnberg als „Stadt der Kulinarik“ und verwies auf die weltberühmten Elisenlebkuchen, deren besondere Rezeptur auf Gewürzen aus verschiedenen Teilen der Welt beruhe. Tatsächlich verdankt Nürnberg seinen historischen Reichtum als Handelsstadt dem Zugang zu globalen Handelsnetzwerken. Weniger Beachtung fand jedoch, dass diese Handelsstrukturen eng mit kolonialer Expansion, Ausbeutung und Unterdrückung verbunden waren. 

Die Geschichte Nürnbergs ist ebenso von kolonialen Verflechtungen geprägt wie die heutige Stadtgesellschaft von Migration und Vielfalt. Wer Vielfalt feiert, sollte auch die Gewaltverhältnisse benennen, die viele dieser Entwicklungen ermöglicht haben und bis heute nachwirken. 

Nur drei Tage später, am 16. Juni, lud die Stadt Nürnberg zur OB-Radtour „Diverse Stadt“ ein. An der Station „Interkulturelle Öffnung“ an der Straße der Menschenrechte war die ISD Nürnberg eingeladen, über koloniale Kontinuitäten und Schwarzes Leben in Nürnberg zu sprechen. 

Nach einer Einführung durch Oberbürgermeister Markus König, die Antidiskriminierungsbeauftragte Christine Burmann und Bettina Zauher vom Bürgermeisteramt stellte ISD-Vertreter Akim Gubara die Arbeit der Organisation vor. Er erläuterte dabei das grundlegende Paradox moderner Gesellschaften: Obwohl sich nahezu alle Menschen gegen Rassismus aussprechen, bleibt Rassismus alltägliche Realität. Die Arbeit der ISD zielt deshalb darauf ab, jene gesellschaftlichen Strukturen sichtbar zu machen, die rassistische Ungleichheiten hervorbringen und reproduzieren. 

In der anschließenden Fragerunde entwickelte sich zunächst ein konstruktiver Austausch. Unter anderem wurde auf die Bedeutung intersektionaler Perspektiven hingewiesen. Später kam es jedoch zu Wortmeldungen, in denen rassistische Begriffe und Ausdrucksweisen verteidigt wurden. Nachdem entsprechende Begriffe öffentlich geäußert wurden, griff Bettina Zauher ein, entzog der betreffenden Person das Mikrofon und machte deutlich, dass solche Sprache nicht akzeptiert werden kann. 

Die Reaktion des Oberbürgermeisters auf diesen Vorfall war besonders irritierend. Nachdem er zuvor die Bedeutung des Kampfes gegen Rassismus hervorgehoben hatte, relativierte er die Situation zunächst mit dem Hinweis, die betreffende Person habe es „nicht böse gemeint“. Statt eine klare Position gegen rassistische Sprache einzunehmen, forderte er den ISD-Vertreter auf zu erläutern, wie sich solche Aussagen anfühlten. 

Für die ISD Nürnberg greift eine solche Perspektive zu kurz. Rassismus ist nicht in erster Linie eine Frage individueller Absichten. Entscheidend sind die gesellschaftlichen Strukturen, historischen Kontinuitäten und Machtverhältnisse, die rassistische Handlungen ermöglichen und normalisieren. 

Für weitere Irritation in diesem Zusammenhang, sorgte die Rolle der städtischen Antidiskriminierungsstelle. Während Bettina Zauher unmittelbar intervenierte, blieb eine öffentliche Reaktion der Antidiskriminierungsbeauftragten Christine Burmann aus. Weder während der Situation noch im anschließenden Austausch. 

Gerade weil die Antidiskriminierungsstelle den Auftrag hat, Betroffene von Diskriminierung zu schützen und diskriminierende Strukturen sichtbar zu machen, stellt sich aus Sicht der ISD Nürnberg die Frage, welche Konsequenzen aus solchen Situationen gezogen werden. Wenn selbst auf einer Veranstaltung der Stadt Nürnberg zum Thema Vielfalt rassistische Äußerungen unwidersprochen bleiben oder relativiert werden, zeigt sich, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Anspruch einer Antidiskriminierungsstrategie und ihrer praktischen Umsetzung weiterhin ist. 

Auf der anderen Seite: Ermutigend war die Reaktion der meisten anwesenden Bürgerinnen, die sich nicht nur solidarisch zeigten, sondern eben auch die kritische Auseinandersetzung mit Verteidiger*innen rassistischer Sprache gesucht haben. 

In den Tagen nach der Veranstaltung erhielt die ISD Nürnberg Nachrichten aus der Stadtverwaltung. 

Darin wurde nicht nur für den Beitrag gedankt, sondern auch betont, dass die Ereignisse zum Nachdenken angeregt hätten und Fragen des Rassismus innerhalb der städtischen Gesamtstrategie gegen Diskriminierung und für demokratischen Zusammenhalt besondere Bedeutung hätten. Zudem wurde mehrfach von „Schock“ über das Geschehen gesprochen. 

Die ISD Nürnberg ist jedoch nicht über die rassistischen Vorfälle schockiert – sondern über die Schockiertheit darüber. Schwarze Menschen erleben rassistische Anfeindungen regelmäßig, insbesondere dann, wenn sie öffentlich sichtbar sind und gesellschaftliche Machtverhältnisse kritisch benennen. Solche Vorfälle sind keine Ausnahmeerscheinungen, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems. 

Die ISD Nürnberg richtet ihre Kritik deshalb nicht an einzelne Personen. Vielmehr geht es darum, die gesellschaftlichen Bedingungen in den Blick zu nehmen, unter dem Rassismus fortbesteht. 

Wir erwarten von der Stadt Nürnberg und ihrem Oberbürgermeister eine klare Anerkennung von Rassismus als strukturellem Problem. Erst auf dieser Grundlage kann eine Gesamtstrategie gegen Rassismus wirksam werden. Zudem ist es von hoher Wichtigkeit hierbei migrantische Communities als Expert*innen in den Prozess zu involvieren. Der “Schock” oder auch die teilweise ausbleibende Reaktion der Stadtverwaltung, ist auch Ausdruck fehlender Sensibilität, ja fehlender Betroffenheit. 

Erst wenn diese Aspekte bedacht sind, kann Vielfalt mehr sein als ein wohlklingendes Schlagwort. 

Denn: Vielfalt ist nicht einfach ein harmonisches Nebeneinander unterschiedlicher Menschen. Vielfalt ist ein gesellschaftliches Feld, das von Machtverhältnissen, Ungleichheiten und Ausschlüssen geprägt ist. Während einige von bestehenden Strukturen profitieren, sind andere von Diskriminierung und Gewalt betroffen. Eine demokratische und gerechte Stadtgesellschaft muss bereit sein, diese Realität anzuerkennen und zu verändern. 

Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) –  Nürnberg 

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